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ETTY HILLESUM: Tagebücher und Briefe

Von: FRITS GRIMMELIKHUIZEN

‘Ich möchte lange leben um es später doch noch einmal erklären zu können, und wenn mir das nicht vergönnt ist, nun, dann wird ein Anderer mein Leben von dort an weiterleben, wo das meine unterbrochen wurde‘. Das schrieb Etty Hillesum in ihrem Tagebuch am dritten Juli 1942, am selben Tag als die deutsche Besatzungsmacht die systematische Ausradierung der Juden in Holland anfing. 

Etty Hillesum war eine junge holländisch-jüdische Frau, geboren 1914; sie hatte in Amsterdam Jura studiert und anschließend Slawistik. Sie war die Tochter von Louis Hillesum aus Amsterdam und Riva Bernstein, geboren in Russland. Mit siebenundzwanzig Jahren (1941) begann Etty Tagebuch zu führen. Sie tat das auf Drängen von Julius Spier, einem Schüler C.G. Jungs und berühmt als Psychologe, Experte der Handlinienkunde. Er war 1938 aus Berlin geflüchtet und hatte in Amsterdam eine neue kleine Praxis begonnen. Durch Spier und vor allem mit ihm durchlebte Etty ab März 1941 einen schnellen Weg zur Innenschau, Wesentlichkeit und Mitmenschlichkeit. Im Anfang haben diese Tagebücher manchmal noch etwas von einem pubertären Mädchenheft, allmählich merkt man aber das dieses Mädchen eine junge Frau geworden ist die klar und deutlich zu beschreiben weiß, was sie geistig UND körperlich an sich erlebt. Dadurch haben diese Tagebuchblätter eine mitreißende Anziehungskraft. Etty Hillesum war hochbegabt, hatte journalistische und schriftstellerische Aspirationen, doch sie beschreibt sowohl den Trümmerhaufen den sie aus ihrem Leben macht wie auch ihre fanatische Suche nach dem Wesentlichen und dem Wichtigen. Aus ihren Tagebüchern tritt Etty Hillesum auch hervor als eine leidenschaftliche Frau voller unerschöpflichen Erotik. Sie lebte wie verheiratet mit ihrem Hausherrn in Amsterdam, hatte zur selben Zeit sehr erotische Beziehungen mit anderen Männern und Frauen, und schreibt atemberaubend über ihre Liebesbeziehung mit Spier und …wenn die Zeiten schlimmer werden und das Netz der Verfolgung sich schließt, schreibt sie sich ein lebendiges und fast leibliches Verhältnis mit dem Dichter Rilke, von dem sie meint, dass er einer der wichtigsten Erzieher ihrer letzten Lebensjahre gewesen ist. Und das alles schreibt und überdenkt sie in einer Zeit wo Unmenschlichkeit, Grausamkeit und Vernichtung überall um sie herum ist. Am selben Tag im Juli 1942 schreibt sie dass -es geht um unseren Untergang und unsere Vernichtung, darüber sollte man sich keinerlei Illusionen mehr machen‘. Doch dann schreibt sie weiter: -Leben und Sterben, Leid und Freude, die Blasen an meinen wundgelaufenen Füssen und der Jasmin hinterm Haus, Verfolgungen, die zahllose Grausamkeiten, all das ist in mir wie ein einziges starkes ganzes, und ich nehme alles als ein ganzes hin….Ich finde das Leben sinnvoll, trotzdem sinnvoll‘. Weil sie selber, ihre Seele, ihr Gott, in der Mitte dieses Ganzes stellt wie das stille Zentrum eines Orkans. Was man töten kann ist die Außenseite, -das Wesentliche kann weder angetastet noch entkräftet werden‘. Wie alle anderen Juden in Holland musste auch Etty Hillesum sich im Juni 1943 melden im Durchgangslager Westerbork. September 1942 war Julius Spier an Krebs gestorben. Einen Monat später schrieb sie in ihrem Tagebuch: -Mann möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein‘. Es ist auch der letzte Eintrag in dem Tagebuch, den wir kennen. Sie wollte nicht untertauchen, weil sie sich realisierte dass an ihrer Stelle mehrere Andere deportiert werden sollten. Sie wollte bei Ihrer Familie und ihrem Volk bleiben, keine Ausnahme sein, das Schicksal teilen wie alle anderen einfachen und machtlosen Juden. In Westerbork gesellen ihr bald auch ihre Eltern und der jüngste Bruder, ein genialer Pianist. Jede Woche wurden aus Westerbork 1500 bis 2000 Juden in den Osten abtransportiert. 98 Mal . Aus Westerbork schreibt Etty noch mehr als hundert Briefe; zwei davon sind schon im Oktober 1943 illegal gedruckt als -Briefe aus Westerbork‘. Etty selber war damals schon in Auschwitz. Sie starb dort Ende November. Ihre Tagebücher, erste Auflage erst 1981, erhalten sehr viele Sätze womit man gegen Rassismus und Fremdenhass auftreten möchte. Obwohl es wirklich nicht einfach ist, wie sie selber auch schrieb. So notiert sie ganz im Anfang schon: -Das größte Problem unserer Zeit ist der große Hass gegen die Deutschen. Der vergiftet das eigene Gemüt. Sollen sie doch alle ersaufen, sagt man, vergasen soll man sie, solche Äußerungen gehören zur täglichen Konversation und geben manchmal das Gefühl dass es nicht mehr möglich ist in dieser Zeit zu leben. Und doch: sollte es nur noch einen einzigen anständigen Deutschen geben, dann wäre dieser es wert, in Schutz genommen zu werden gegen die ganze barbarische Horde, und um diesen einen anständigen Deutschen willen dürfe man seinen Hass nicht über ein ganzes Volk ausgießen. Das heißt nicht, dass man gegenüber gewissen Strömungen gleichgültig ist, man nimmt Stellung, äußert sich zu gegebener Zeit über gewisse Dinge, man versucht Einsicht zu gewinnen, aber nicht dieser undifferenzierte Hass. Hass ist eine Krankheit der Seele… und sollte ich in dieser Zeit dahin gelangen dass ich wirklich zu hassen anfange, dann wäre ich in meiner Seele verwundet und müsste so rasch wie möglich Genesung finden…..‘ Und später schreibt sie: -..die Umstände sind nicht entscheidend, niemals, da es immer Umstände gibt, gute oder schlechte,(...) damit muss man sich abfinden, was nicht hindert, dass man sein Leben für die Verbesserung der Umstände einsetzt, aber man muss sich im Klaren darüber sein, aus welchen Motiven man den Kampf aufnimmt, und man muss bei sich selbst anfangen, jeden Tag von neuem bei sich selbst.‘ Das denkende Herz- Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943 . RoRoRo15575
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